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Politik

Artikel #2223, »Politik«, geschrieben von: K. Bleuer (99 %) , Markus Schweiß(Red.) (0 %)

Politik, (von gr. polis, Stadt -> das Regieren der Menschen einer Stadt) die organisierte Auseinandersetzung sozialer Akteure um die Macht im öffentlichen Raum eines sozialen Systems (engl. politics) einerseits, die Ausübung dieser Macht andererseits (engl. policy). Im engeren Sinn bezieht sich der Begriff P. meist auf territoriale, nationale, sub- oder supranationale Einheiten und ihre Akteure. P. ist ein Prozess, ein Zusammenspiel von Akteuren, Methoden, Zielen, Werten, Themen, aber auch ein sich ständig änderndes Umfeld. Das Studium der P., die Politikwissenschaft bezieht sich insb. auf die Methoden der Machtakquisition, -ausübung und -kontrolle, die Gründe und Ziele der Machtausübung, die Entscheidungsfindungsprozesse und -prozeduren, die Einflussfaktoren der Entscheidungsfindung sowie das Umfeld, das den Handlungsspielraum der Akteure beeinflusst und den Entscheidungsrahmen.

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Einflussfaktoren auf die Politik eines Staates

Territoriale Faktoren

→ siehe auch Politische Geographie

Natürliche Faktoren

→ Klima, Fauna, Flora, Relief, Bewaldung, Hydrographie, Geologie, Küsten, Bodenverteilung, natürl. Ressourcen, usw.

Der Einfluss einiger dieser Faktoren auf die P. ist evident und wurde bereits von Aristoteles erwähnt, andere Zusammenhänge sind neueren Datums. Rousseau beispielsweise stellte in seinem Contrat social die These auf, dass sich direkte Demokratie nur in Staaten mit kleiner Fläche entwickeln könne (Schweiz, Korsika). Montesquieu wies in De l'esprit des lois auf den wichtigen Einfluss hin, den das Klima auf die Entstehung politischer Systeme hat. Der belg. Historiker Pirenne wies auf die Unterschiede in der Politik von Inselstaaten und Kontinentalstaaten hin. Der frz. Politologe André Siegfried fand in Tableau politique de la France de l'ouest (1914) einen geologischen Zusammenhang: In Gebieten mit Granitgestein bilden sich Bäche, weshalb sich die Menschen zerstreut ansiedeln, d. h. die Menschen bleiben eher für sich und wählen entsprechend rechts. In Gebieten mit Kalkgestein versickert das Wasser, die Menschen siedeln um Brunnen herum, knüpfen zahlreiche Bindungen, es bildet sich Solidarität und sie haben Tendenzen, links zu wählen.

Variable und soziale Faktoren

Äussere Variablen: Die Rolle der Staatsgrenzen und Nachbarländern kann bestimmend sein für die gesamte Aussenpolitik und einen wichtigen Einfluss auf die Innenpolitik eines Landes haben. So wurde z. B. die frz. Diplomatie über Jahrzehnte hinweg von der fragilen Grenze zu Deutschland bestimmt, der eiserne Vorhang war das alles durchdringende Element der dt. Politik nach dem 2. WK, die Grenze mit Mexiko beschäftigt die US-Politik seit ihrer Entstehung, die geographische Lage Finnlands, der Schweiz und Belgiens ist der Hauptgrund für deren jeweilige strikte Neutralitätspolitik. Diese geopolitischen Zusammenhänge wurden u. A. von Vauban, Montesquieu, Rudolf Kjellen, Vidal de la Blanche und Karl Haushofer eingehend untersucht.

Innere Variablen → Bevölkerungsentwicklung, Fähigkeit, natürl. Ressourcen auszuschöpfen, soziale Faktoren wie kulturelle oder religiöse Prägung, technologischer Stand, usw.

Historische Faktoren

Die Geschichte eines Staates / Volkes erklärt seine Gegenwart und liefert den Handlungsspielraum für zukünftige Entscheidungen. Selbst ein Politikum, steht die Geschichtsschreibung jedoch auch im Dienste der Politik oder wird von dieser instrumentalisiert (→ Propaganda). Politische Akteure beziehen sich auf die Vergangenheit, um sich von ihr abzuheben, oder auf sie zurückzukommen, oder aus Fehlern zu lernen. Die Geschichte eines Landes als Referenz, musste sie auch immer wieder herhalten, um nationale oder nationalistische Projekte zu legitimieren: Der Schah von Iran, Reza Pahlavi, bezog sich auf das Persische Reich, die Partei der Institutionalisierten Revolution in Mexiko bezieht sich auf das Reich der Azteken, Gamal Abdel Nasser, ägyptischer Präsident, regierte sein Land u. A. mit der Idee des alten Arabiens, Mussolini baute seinen Nationalkult auf der Idee der Wiedererrichtung des Römischen Reichs auf.

Geschichtliche Ereignisse und Personen werden in der P. auch immer wieder instrumentalisert: So "beanspruchte" z. B. die DDR 1983 Luther für sich, um aus ihm einen "Helden der gesellschaftlichen Emanzipation der Massen" zu machen.

Irrationale Faktoren

Auch in der heutigen modernen Gesellschaft treffen politische Akteure irrationale Entscheidungen, die ihrerseits wiederum Einfluss auf die Politik haben und zu unvorhersehbaren Ereignissen führen können: die Watergate-Affäre und ihre Folgen, der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der Sowjetunion, und der Golfkrieg von 1990 sind Beispiele, wo eine Reihe unlogischer und irrationaler Aktionen im Endeffekt zu Ereignissen führten, die ihrerseits die politische Landschaft entscheidend und dauerhaft umgestalteten.

Symbolische Faktoren, Etat spéctacle

Bereits Machiavelli stellte fest, dass das Volk die Mächtigen aufgrund ihrer äusseren Erscheinung beurteilt. Unabhängig von ihren Fähigkeiten, das Beste für ihr Land und dessen Bevölkerung zu erreichen, müssen politische Akteure in der heutigen Zeit telegen und medienkompetent sein, um überhaupt in eine Machtposition gelangen zu können. Bekanntheit und Beliebtheit aus anderen Bereichen können Individuen helfen, eine polit. Machtposition zu erreichen (Reagan, Schwarzenegger, Coluche); insgesamt Entwicklungen, die die heutige polit. Landschaft entscheident mitprägen.

Obwohl nur beschränkt selbst politische Akteure, haben sog. Meinungsmacher (opinion leader) über die Beeinfluss der öffentlichen Meinung grossen Einfluss auf die P.

Der Anschein, den sich die Mächtigen bei den Regierten erweckten, ihr "Image", war seit jeher ein wichtiger polit. Faktor, wurde jedoch durch den steigenden Einfluss der audiovisuellen Medien in den letzten Jahrzehnten so entscheidend verstärkt, dass einige Politologen heute von einer "Mediakratie" sprechen.

In diesem Zusammenhang erlebten symbolische Faktoren einen Aufschwung: Die Zigarre und der battle-dress Castros, Mao-tse-Tsungs Jacke, Carters Jogging-Anzug, Clintons Katze usw. wurden zu Symbolen für die P. der jeweiligen Person. Daneben spielen andere Symbole wie z. B. Flaggen, Lieder, Märsche, Bankette, patriotische Feiern etc. nach wie vor eine wichtige Rolle.

Zum État spectacle (frz. "der Staat als Schauspiel") gehört auch der nicht unbeträchtliche Einfluss der Künste und Kunstschaffenden auf die P.: Theaterstücke und Karneval im Mittelalter und früher Neuzeit, Filme wie The Great Dictator (Chaplin), Panzerkreuzer Potjemkin (Eisenstein) u.u. A. sind Effekt und Auslöser bestimmter politischer Vorgänge gewesen, Autoren wie Bertold Brecht u. A. haben politische Ereignisse literarisch verarbeitet und damit Einfluss auf zukünftige P. genommen.

Wirtschaftliche Faktoren

Nicht nur in Bezug auf die eigentliche Wirtschaftspolitik, sondern ganz allgemein hat die Wirtschaft und das Wirtschaftssystem einer territorialen Einheit Einfluss auf die P.

Nach Marx und Engels ist dieser Einfluss determinant, d. h. die wirtschaftl. Bedingungen der Akteure bestimmen voll und ganz deren politisches Handeln. Zahlreiche zeitgenössische und spätere Autoren haben diese vereinfachte Sichtweise zugunsten einer komplexeren Annäherung der Zusammenhängen zwischen P. und Wirtschaft kritisiert.

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