Logo

Musik

Artikel #2216, »Musik«, geschrieben von: B. Brockhorst (92 %) , Ulrich Fuchs (5 %) , Markus Schweiß(Red.) (0 %)

"Klassische Musik"

Im allgemeinen Verständnis wird der unspezifische Begriff "Klassische Musik" oft für alle Musikrichtungen angewandt, die der sog. "E-Musik" (für Ernste Musik = Musik der vergangenen Jahrhunderte bis Mitte des 20. Jhdts.) zuzurechnen sind. Damit trifft er die verschiedenen Strömungen zwar nur ungenau (lediglich eine Epoche wird "Klassik" genannt), der Einfachheit halber wird der Begriff aber hier beibehalten.

Anzeigen

Die Entwicklung der "klassischen" Musik im europäischen Raum vollzog sich in Epochen, wobei die Übergänge fließend sind.

Bei der Mittelalterlichen Musik finden sich erste Formen der Notation. Den Schwerpunkt bildet die kirchliche Vokalmusik (z. B. Gregorianischer Gesang), bei der rhythmisch-metrische Differenzierungen nicht notiert sind. Kennzeichnend ist eine ausgeprägte Melismatik (Mehrere Töne oder ganze Tonreihen werden auf einem Vokal gesungen). In der Zeit der Ars antiqua wird die Einstimmigkeit zur Dreistimmigkeit weiterentwickelt. In Abgrenzung zur Kompositionsweise der Ars antiqua bildet die Ars nova zwischen 1320 und 1430 einen stilistischen Wandel. Kennzeichnend für sie ist eine weitere Differenzierung der Notation und die Lösung der Werke mehr und mehr aus dem kirchlichen Rahmen hin zu weltlichen Formen.

Die Musik in der Renaissance (15. Jahrhundert) stellt eine stärkere Hinwendung zur weltlichen Musik dar. Die Instrumentalmusik entwickelt musikalische Formen wie Tänze, die profanen Zwecken dienten.

In der Barockmusik (17. Jhdt. bis Mitte 18. Jhdt.) ist die Polyphonie als neuer Strang der musikalischen Entwicklung auszumachen, die gleichberechtigt neben homophonen Werken steht. Der Kontrapunkt als Mittel der Polyphonie wahrt eine lineare Selbstständigkeit einzelner Stimmen und flicht sie nach bestimmten Stimmführungsregeln, zu einer horizontalen Struktur unter motivischer Beteiligung aller (gleichberechtigten) Stimmen (Stichwort: Fuge). Homophone Werke wie Tänze finden zu neuen größer angelegten Formen (Suite). Das Konzert (Concerto grosso) bildet sich heraus, typisch barockes Merkmal ist hierbei der Generalbass (Basso continuo), der häufig vom Cembalo, das in der Barockzeit seine Blüte erlebte, intoniert wird.

Die Vorklassik und die Wiener Klassik (Mitte/Ende 18. Jhdt. bis Anfang 19. Jhdt.) (benannt nach der Wirkstätte ihrer Hauptrepräsentanten Haydn, Mozart und Beethoven) entwickeln die Sinfonie und die Sonate zur großen Form, wobei bei beiden Werktypen der 1. Satz der strengen Sonatenhauptsatzform unterworfen wird. Die Polyphonie tritt in den Hintergrund, ohne aber gänzlich in Vergessenheit zu geraten, der Schwerpunkt bei den Kompositionen liegt dennoch in der Homophonie. Der galante Stil (Musik soll zuschauergefällige Stimmungen präsentieren) ist gefragt. Singspiel und Oper, schon aus der Zeit der Renaissance bekannt, werden zur bedeutenden und beliebten Werkform. Die Kammermusik, die schon in der Barockzeit gepflegt wurde, erlebt in der Klassik ihre Blüte. Dass das Klavier erste Ansätze zur Vervollkommnung aufweist, zeigen zahlreiche eigens für dieses Instrument komponierte Solostücke und Klavierkonzerte.

Mit der Musik der Romantik (19. Jhdt., teilw. 20. Jhdt.) beginnt die Abkehr von der strengen Form der "Wiener Klassik". Auch wird die Musik nicht mehr als absolut im Sinne eine ausschließlich aus sich heraus wirkende Kunstform begriffen (absolute Musik), das Programmatische hält Einzug (Stichwort: Neudeutsche Schule; Programmmusik). Es entwickeln sich die Sinfonische Dichtung und das Musikdrama als alternative Konzepte zur Sinfonie bzw. zur Oper. Die Operette etabliert sich als Begriff anstelle des Singspiels. Ballettmusik und das Kunstlied erleben ihre Blütezeit. Wie kein anderes Jahrhundert zuvor bringt das 19. Jhdt. zahlreiche virtuose Pianisten hervor (Ergebnis technischer Perfektionierung des Klaviers -> Geschichte des Klavierbaus), dementsprechend breit angelegt und auch bei Dilettanten beliebt ist die Klavierliteratur. Das Wesen der romantischen Musik ist das Transportieren von Stimmungen und Gefühlen. Polyphone Werke sind aus der Mode und lediglich Beweis des Komponisten, dass er das Regelwerk des Barock beherrscht.

Gegen Ende des 19. Jhdts. brach sich in Frankreich eine weitere Musikströmung Bahn, die nicht zur Romantik gezählt wird: Unter Claude Debussy und Maurice Ravel entwickelte sich der musikalische Impressionismus, der sich der gängigen Harmonik der Romantik entzieht und die Klangfarbe in den Vordergrund stellt.

Anfang des 20. Jhdts. entwickeln sich weitere Musikrichtungen: Neben dem Impressionismus der Franzosen sowie neben einigen Komponisten, die auf dem musikalischen Konzept der Romantik als dem einzig Richtigen bestehen, experimentieren andere mit Bi- und Atonalität. Mit Zutaten wie dem Farbklavier (Alexander Skrjabin) wird das Gesamtkunstwerk angepeilt (die verschiedenen Künste sollen zusammenwirken). Mit dem musikalischen Expressionismus und dem Bruitismus (beide um 1910), dem Neoklassizismus (um 1920) und der von Arnold Schönberg um 1921 begründeten Zwölftonmusik bricht das einheitliche Konzept einer epochalen Musik endgültig auseinander. 1948 kennzeichnet den Beginn der Seriellen Musik. Die neuen Stilrichtungen werden unter dem Begriff Moderne bzw. klassische Moderne (für die Strömungen vor 1948) zusammengefasst.

Daneben entwickelte sich von Großbritannien aus kommend eine dem Stil der Unterhaltungsmusik nahestehende Richtung, die gleichwohl nicht der Pop- sondern der klassischen Musik zugeordnet wird: Die British Light Music.

Die ausdifferenzierte Entwicklung der Musik in Europa insbesondere in den vergangenen Jahrhunderten ist nicht zuletzt einer intensiven Förderung durch Kunstmäzen zu verdanken.

Auch in Nordamerika hat es vereinzelt Ansätze zur Etablierung dessen, was umgangsprachlich "Klassische Musik" bezeichnet wird, gegeben. Zu den Komponisten zählen Louis Moreau Gottschalk, Charles Ives, aber auch George Gershwin, der klassische Elemente mit denen des Jazz verbindet.

Anzeigen