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Gewaltverherrlichung

Artikel #3109, »Gewaltverherrlichung«, geschrieben von: B. Brockhorst(Red.) (100 %)

Gewaltverherrlichung, Begriff für die exzessive oder unnötige Zurschaustellung von Gewalt in den Medien. Das Pendant ist die Gewaltverharmlosung, die Gewaltanwendung zur gängigen Konfliktlösungsstrategie herunterspielt. Die Begriffe umfassen sowohl die fiktive wie auch die reale bzw. die wirklichkeitsnah dargestellte Gewalt.

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Deutschland

In der Bundesrepublik Deutschland ist die mediale Verbreitung von Gewaltverherrlichung bzw. Gewaltverharmlosung nach § 131 StGB strafbar:

§ 131 Absatz 1 StGB spricht in dem Zusammenhang von Schriften, die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt.

Der letzte Halbsatz (Schilderung des Vorgangs in menschenwürdeverletzender Weise) fand mit der Jugendschutzreform von 1985 Eingang in die Verbotsnorm, denn angesichts der Anfang der 1980er Jahre über Deutschland schwappenden Welle von Horror- und Kannibalen-Videofilmen, in welchen Menschen aus Selbstzweck abgeschlachtet wurden, waren die Strafverfolgungsbehörden außerstande, diese selbstzweckhafte Darstellung unter „Verherrlichung“ oder „Verharmlosung“ zu fassen, so dass der Gesetzgeber sich zur Nachbesserung genötigt sah. Die menschenähnlichen Wesen kamen erst durch das Sexualdelikteänderungsgesetz (SexDelÄndG) vom 27.12.2003 ins Gesetz.

Gewaltverherrlichende und gewaltverharmlosende Medien können auch von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert werden. Mit der Indizierung, über die Gewerbetreibende im Medienbereich sich regelmäßig informieren müssen, ist klargestellt, dass eine Jugendgefährdung vorliegt, die Verbreitungsbeschränkungen nach sich zieht.

Betroffen sind vornehmlich Bildmedien, nämlich Filme und Computerspiele, da Gewaltdarstellungen im literarischen Bereich durch die Notwendigkeit der gedanklichen Umsetzung des schriftlichen Inhalts in aller Regel ein distanzierendes Moment innewohnt. Umstritten ist und nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom April 2002 neu diskutiert wird, ob Gewaltdarstellungen sich tatsächlich negativ auf Kinder und Jugendliche auswirken und deren Hemmschwelle vor Gewaltanwendung abbauen. Als widerlegt gilt die in den 1980er Jahren favorisierte Katharsis-Theorie, nach welcher die Beschäftigung mit Gewalt eine die Gewaltbereitschaft herabsetzende Wirkung haben soll. Da sich Menschenexperimente verbieten, gibt es bislang keine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage der Wirkung. Man wird klarer sehen, wenn die Generation der Ego-Shooter-Spieler das Erwachsenenalter erreicht.

Das letzte literarische Werk, dass wegen der Beschreibung exzessiver, im Detail genüsslich ausgebreiteter Gewalt an hilflosen Menschen von der Bundesprüfstelle indiziert worden ist, war American Psycho von Bret Easton Ellis (Indizierung 1995, seit 2000 wieder frei verkäuflich, da der Verlag wegen Verletzung der Kunstfreiheit geklagt hat.)

Bei § 131 StGB wie auch in den Verfahren vor der Bundesprüfstelle gilt das sog. Berichterstatterprivileg (§ 131 Absatz 3 StGB). Von einer Gewaltverherrlichung oder –verharmlosung ist nicht auszugehen, wenn das Dargestellte der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte dient (Tatbestandsausschluss). Die Kriegsberichterstattung ist somit außen vor, die Problemstellung dort ist eine andere: Ein Hinterfragen, ob der Berichterstattung z. B. über Folter oder Erschießungen möglicherweise eine Auslöserfunktion innewohnt.

Ebenfalls tatbestandsausschließend ist das sog. Erzieherprivileg (Absatz 4). Danach dürfen Sorgeberechtigte ihren Zöglingen gewaltverherrlichendes oder -verharmlosendes Material zugänglich machen, ohne gegen die Verbotsnorm des Absatz 1 Nr. 3 strafbar zu sein. Allerdings darf die Erziehungspflicht nicht gröblich verletzt sein. Eine Übertragung des Erzieherprivilegs auf Dritte, die nicht sorgeberechtigt sind, ist nicht möglich, wird aber in der juristischen Literatur kontrovers diskutiert.

Schweiz

In der Schweiz wurde das Verbot von bestimmten Gewaltdarstellungen 1989 mit Art. 135 Schweizer Strafgesetzbuch eingeführt:

Gewaltdarstellungen

  1. Wer Ton- oder Bildaufnahmen, Abbildungen, andere Gegenstände oder Vorführungen, die, ohne schutzwürdigen kulturellen oder wissenschaftlichen Wert zu haben, grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder Tiere eindringlich darstellen und dabei die elementare Würde des Menschen in schwerer Weise verletzen, herstellt, einführt, lagert, in Verkehr bringt, anpreist, ausstellt, anbietet, zeigt, überlässt oder zugänglich macht, wird mit Gefängnis oder mit Busse bestraft.
  2. Bis Mit Gefängnis bis zu einem Jahr oder mit Busse wird bestraft, wer Gegenstände oder Vorführungen nach Absatz 1, soweit sie Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder Tiere darstellen, erwirbt, sich über elektronische Mittel oder sonst wie beschafft oder besitzt.2 Die Gegenstände werden eingezogen.2
  3. Handelt der Täter aus Gewinnsucht, so ist die Strafe Gefängnis und Busse.

Weblinks

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